Die Spinte

Spinte, vermutlich in den 1930 Jahren. Hier im Hause Marrack, Silbergasse (heute Marrack, Ewald)
[1] Spinte, vermutlich in den 1930 Jahren. Hier im Hause Marrack, Silbergasse (heute Marrack, Ewald)

Das Leben der Menschen in unserem Dorf wurde im Laufe der Jahrhunderte durch das Arbeitsjahr mit Saat und Ernte bestimmt. Wurden dann im Herbst die Tage kürzer und die Kartoffelernte war eingebracht, dann war Spintezeit in Schmogrow.

Zur Spinte trafen sich die Mädchen des Dorfes nach der Kirmes, als etwa ab Ende Oktober. Sie dauerte bis zur Fastnacht im Februar. Erstmalig durften die Mädchen nach ihrer Konfirmation, also mit 15 - 16 Jahren teilnehmen. Daran lässt sich auch erklären, dass die Mädchen auch heute noch zur Kirmes, die Jungen aber erst zur Fastnacht in die Dorfjugend aufgenommen werden.

Spinte im Hause Domann (heute Mäder, Anna)
[2] Spinte im Hause Domann (heute Mäder, Anna)

Die Spinte folgte strengen Regeln und Traditionen. Darüber wachte die aus der Mitte der Mädchen gewählte Spinnstubenälteste, die Kantorka. So gab es in Schmogrow eine streng befolgte Sitzordnung. Meist befand sich in der Mitte des Raumes eine Lampe, mehrere "Brennstellen" gab es nicht. Die Kantorka durfte diesen, gut ausgeleuchteten Platz für sich beanspruchen. Die anderen Mädchen saßen nach dem Alter eingeteilt recht und links neben ihr.

War die Gesellschaft groß, so dass nicht alle Mädchen in einer Reihe sitzen konnten, wurde der Kantorka gegenüber eine zweite Reihe gebildet, wiederum streng nach Altersfolge. Die Erstteilnehmerinnen der Spinte saßen im Rücken der Kantorka. Jedes Mädchen brachte einen eigenen Schemel und das Spinnrad mit.

Spinte fand Montags bis Freitags von 18.00 Uhr bis 22.00 Uhr statt, Sonnabends und Sonntags war keine Spinte. Die Jungen des Dorfes hatten von 18.00 Uhr bis 20.00 Uhr keinen Zutritt, auch hierüber wachte die Kantorka streng. Ab 20.00 Uhr war "Rumpelstunde", dann hatte die komplette Dorfjugend Zutritt.

Die Räumlichkeiten wurden unentgeltlich von den Spinteeltern zur Verfügung gestellt. Sie sorgten auch für Reinigung und Heizung. Dafür bedankte sich die Mädchen zum Weihnachtsfest mit einem Geschenk, zur Fastnacht waren die Spinteeltern Ehrengäste der Jugend und es war für die Mädchen Pflicht ihrerseits unentgeltlich bei der Kartoffelernte im folgenden Herbst zu helfen.

Ein jährlicher Wechsel der Räumlichkeiten war in Schmogrow nicht üblich. Vielmehr wurde eine nicht benötigte Stube der Jugend zur Verfügung gestellt, so dass die Spinte teilweise mehrere Jahre in ein und dem selben Raum stattfand. Die Organisation des Raumes oblag der Kantorka.

Die Haupttätigkeit während der Spinte lag in der Verarbeitung der im Sommer gewonnenen Rohstoffe. So wurde vor allem Flachs versponnen. Das Garn wurde weiter verarbeitet und zu Bettwäsche, Hand- und Geschirrtüchern gewoben. Jedes Mädchen musste zu seiner Hochzeit eine ausreichend große Aussteuer bestehend aus Bett-, Tisch- und Gebrauchswäsche vorweisen können, war also bestrebt während der Spinte fleißig zu arbeiten.

Es kam nicht selten vor, dass, während das Brautpaar zur Trauung fuhr, die älteren Frauen des Dorfes die Schränke der Braut kontrollierten und aus der vorhandenen Anzahl von Hand- und Wischtüchern Rückschlüsse auf deren hausfraulichen Fleiß zogen.

Wer kein Spinnrad besaß, beschäftigte sich mit Handarbeit und sorgte so für seine Aussteuer. Eine weitere wesentliche Aufgabe bestand in der Pflege des kulturellen Gutes des Dorfes. So wurden vor allem kirchliche Lieder gesungen und auswendig gelernt. Das Anstimmen der Lieder oblag wiederum der Kantorka, gesungen wurde wendisch. Auch Geschichte und Sagen wurden erzählt und weitergegeben.

Besuch der Schmogrower Mädchen bei einer Spinte in Drachhausen
[3] Besuch der Schmogrower Mädchen bei einer Spinte in Drachhausen. Die einzelnen Dorfjugenden achteten und besuchten sich auch bei ihren Höhepunkten. Erkennbar sind die verschiedenen Haubenformen. Die Schmogrower Mädchen beschäftigen sich mit Handarbeit, da die Spinnräder zu Fuß oder per Rad im Winter nicht nach Drachhausen zu bringen waren.

Wurde im Dorf geschlachtet, so zogen die Mädchen der Spinte zu diesem Hof um den Bewohnern ein Ständchen zu singen. Dafür wurden Sie mit Wurstbrühe und einer Grützwurst belohnt. Auch war es in der "Rumpelstunde" üblich allerlei Schabernack mit den Dorfbewohnern, vor allem aber den Jungen zu treiben. Darauf lässt sich auch der heutige Brauch in der Nacht von Ostersonnabend auf Ostersonntag nach dem Osterfeuer Schabernack zu treiben zurückführen. Zur Fastnacht fand die jährliche Spinte ihren Höhepunkt und zugleich ihren Abschluss.

Wann die letzte Spinte in Schmogrow stattfand, konnten wir nicht genau in Erfahrung bringen. Es ist wahrscheinlich, dass bis in die 1950-er Jahre in Schmogrow regelmäßig Spinte stattfand. Erst mit der allmählichen Kollektivierung und dem verlassen der Einzelbewirtschaftung der Höfe nach dem zweiten Weltkrieg hat sich dieser schöne alte Brauch in Schmogrow verloren.

Bildquelle:1 - Gerhard Dommaschk
2 - Anna Mäder
3 - Marianne Noatzke