Die Erntebräuche in Schmogrow im Wandel der Zeit

Im Arbeitsjahr der Menschen unseres Dorfes gehört die Ernte seit jeher zu den wichtigsten Perioden. So entschied vor allem eine gute Getreideernte nicht nur über den Wohlstand der besitzenden Bauern, sondern auch darüber, ob die ärmeren Bewohner des Dorfes zum eine und das Vieh zum anderen ausreichend versorgt waren. Oft verhinderten widrige Witterungsverhältnisse eine gute Ernte. Auch die allgegenwärtigen Hochwasser vergangener Jahrhunderte brachten häufig empfindliche Ernteverluste mit sich. Um so dankbarer waren unsere Vorfahren, enn die Getreideernte eingebracht war und die Dorfgemeinschaft auf dieser wirtschaftlichen Grundlage keine Not leiden musste.

In vorchristlicher Zeit glaubten unsere Vorfahren an Geister der Fruchtbarkeit und Vegetation in Gestalt eines Tieres. Besonders dem Hahn sprachen sie Kräfte zu die Ernte zu beeinflussen. So versteckte sich der Hahn (wendisch „KOKOT“), glaubt man alten Überlieferungen, bei der Getreideernte unter der letzten Garbe um neue Kraft für das kommende Vegetationsjahr zu sammeln. Diese letzte Garbe schmückte man mit bunten Bändern, sicher der Ursprung des Brauches eine Erntekrone zu winden, die bis heute mit bunten Bändern und Getreideähren geschmückt wird.

Aufstellung der Mädchen zum Erntefest
[1] Aufstellung der Mädchen zum Erntefest vor dem II. WK, wahrscheinlich 1930-er Jahre

Der Älteste der wendischen Erntbräuche ist vermutlich das Hahnschlagen. Bis heute wird dieser Brauch in Schmogrow gepflegt. Die Ursprungsform mutet dem heutigen Betrachter etwas grausam an. So nahmen die Schnitter nach dem Ende der Getreideernte einen lebendigen Hahn mit aufs Stoppelfeld und ließen ihn laufen. Die Jungen des Dorfes liefen mit dem Dreschflegel und versuchte ihn zu erschlagen.

Spätere Formen berichten, dass der Hahn zu festlichen Beschluss der Ernte unter einem umgekehrten Tontopf saß. Auch hier versuchten die unverheirateten Burschen mit verbundenen Augen zunächst den Topf zu zerschlagen. Wem dies gelang war erster Erntekönig. Der so freigekommene Hahn wurde ebenfalls mit dem Dreschflegel gejagt und getötet. Wer dies schaffte war zweiter Erntekönig.

Hahnschlagen
[2] Hahnschlagen
Dieses Foto stammt aus dem Zeitraum zwischen 1966-1968 und wurde am alten „Druschplatz“ in der Silbergasse aufgenommen.
Vorbereitung zum Hahnschlagen
[3] Erntefest Schmogrow gegen Ende der 1960-er Jahre
Vorbereitung zum Hahnschlagen

Noch bis in das 17. Jhd. wurden die Hähne meist getötet. Später setzte man den Hahn in eine Grube, deckte diese mit Brettern ab und schlug nur noch symbolisch auf den Topf. Auch wurde der Hahn nur noch symbolisch freigelassen und wieder eingefangen. Seit den 1990-er Jahren verzichtet man in Schmogrow auch darauf, den in eine Grube zu lassen – heute darf er das Geschehen aus sicherer Entfernung verfolgen.

Das Töten des Hahnes begründete man in früherer Zeit damit, dass er in der laufenden Vegetationsperiode viel Kraft gelassen hat und nun für eine neue, reiche Ernte zu schwach ist. Mit seinem Tod macht der alte Hahn Platz für einen neuen kräftigen Artgenossen, der somit auch im kommenden Jahr eine reichliche Getreideernte garantieren soll.

Erntefestgesellschaft zum Hahnrupfen in der Dorfstraße vor „Schuberts Laden“
[4] Zeitgenössische Postkarte:
Erntefestgesellschaft zum Hahnrupfen in der Dorfstraße vor „Schuberts Laden“ (später Konsum) gegenüber dem Gasthaus

Vom alten rohen Brauch ist an der Schwelle zum neuen Jahrtausend nur noch das Topfschlagen und Hahnfangen übrig geblieben. Noch heute versuchen die unverheirateten Burschen des Dorfes mittels Dreschflegel nach einem Tänzchen mit verbundenen Augen einen Topf zu treffen. Jeder Bursche schlägt drei Mal - derjenige mit den meisten Treffern ist erster, derjenige, der den freigelassenen Hahn fängt zweiter Erntekönig.

Beide Könige erhalten Siegerkränze aus Eichenlaub und suchen sich aus dem Kreis der Mädchen ihre Königin aus. Landläufig trafen die Burschen ihre Wahl mit verbundenen Augen. In Schmogrow war dies bis in die 1990-er Jahre nicht üblich.

Ebenso unüblich war in Schmogrow das Froschkarren. Auch eine Erntekrone wurde in früheren Zeiten wohl nicht gewunden. Diese eingeführten Bräuche kamen erst nach dem zweiten Weltkrieg auf.

Die Kleidung folgte strengen Regeln. So trugen die Burschen zur dunklen Hose ein weißes Hemd und die Mädchen ihre wendische Tanztracht – früher mit Haube. Das Hahnschlagen fand seinen traditionellen Abschluss beim Tanz im Dorfgasthaus.

Hahnrupfen
[5] Hahnrupfen an historischer Stelle Nähe "Schmogers Wäldchen"
Aufgenommen wahrscheinlich nach 1945

Ein weiterer in Schmogrow lange Jahre praktizierter Erntebrauch ist das Hahnrupfen. Dabei wurde auch in unserem Dorf eine Eichenlaubpforte errichtet, an die ein toter Hahn kopfüber angehängt wurde. Das Hahnrupfen fügt sich in die Fruchtbarkeitssymbolik unserer Vorfahren ein. So sagte man, dass der alte, geschwächte Hahn "gerupft" werden müsste um einem neuen und kräftigen Hahn, wiederum Garant für eine reiche Ernte im folgenden Jahr, Platz zu machen.

Die Burschen durchreiten die Pforte. Derjenige, dem es gelingt, den Kopf abzureißen, wird als erster Erntekönig gefeiert. Diejenigen Reiter, die die Flügel erreichen sind zweiter und dritter Erntekönig. Jeder König bekommt einen Ehrenkranz und sucht sich aus dem Kreis der Mädchen seine Königin aus. Auch das Hahnrupfen fand seinen Ausklang beim Tanz im Dorfgasthaus.

Hahnrupfen und Hahnschlagen existierten nach unseren Informationen lange Zeit nebeneinander. So entschied die Dorfjugend welchen der beiden Bräuche um den "KOKOT" sie im laufenden Jahr durchführen wollte. Diese Entscheidung folgte meist ganz materiellen Überlegungen. Bekam man genügend Reiter und vor allem Pferde zusammen, entschied man sich meist für das Hahnrupfen. In der ersten Hälfte des 20. Jhd., also vor dem zweiten Weltkrieg, wurde in Schmogrow meist das Hahnrupfen gefeiert. Dies entspricht einer relativen wirtschaftlichen Sicherheit der Bauern – es standen ausreichend Pferde zur Verfügung. Doch auch nach dem Krieg konnte das Hahnrupfen noch einige Jahre aufrecht erhalten werden.

Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und dem Verlassen der Einzelbewirtschaftung der Höfe nahm jedoch die Anzahl der Pferde in Schmogrow stetig ab. Somit fand das letzte Hahnrupfen in unserem Dorf Ende der 1950-er Jahre, wahrscheinlich 1958 statt.

Seit dem führt die Schmogrower Jugend ausschließlich das Hahnschlagen durch. Wahrscheinlich setzten sich in Schmogrow in dieser Zeit auch das Froschkarren und der Umzug durch das Dorf mit Erntekrone durch. Dass der Mangel an Pferden durchaus auch eine Tugend sein kann zeigt sich darin, dass Schmogrow einer der ganz wenigen Orte ist, in denen das Hahnschlagen noch lebendige Tradition ist.

Erntekönige beim Hahnrupfen mit Königinnen beim Rückzug ins Gasthaus
[6] Erntekönige beim Hahnrupfen mit Königinnen beim Rückzug ins Gasthaus

Als alten Platz für die Erntefeste nutzte man den Weg verlängerte Silbergasse, also in räumlicher Nähe zu den abgeernteten Feldern. Erst mit der Fertigstellung der Freilichtbühne in den 1970-er Jahren verlagerte sich das damals schon ausschließlich durchgeführte Hahnschlagen auf den dort gelegenen Festplatz. Mit dem Einbau der Sitzbänke im Zuschauerbereich der Bühne wurde jedoch dort der Platz zu eng und man entschied sich das Hahnschlagen künftig auf dem Sportplatz durchzuführen.

Um das Erntefest auch für die Zuschauer attraktiver zu gestalten fügte man etwa zu Beginn der 1980-er Jahre noch das Tauziehen der Bursche über die Malxe an.

Geblieben ist aber vor allem ein lebendiger, Jahrhunderte alter Brauch, den die Dorfjugend auch heute noch mit viel Engagement pflegt.

Bildquelle:1, 6 - Gerhard Dommaschk
2, 3 - Käthe Buder
5 - Wilhelmine Schalmea
Reproduktion:Silvio Schmoger